Reisen in der Schweiz·Zürich III
Eine kultivierte, schon
etwas gesetzte Dame
Zürich ist die größte und bedeutendste
Stadt der Schweiz; sie hat 450 000 Einwohner (und mit den Vororten sogar
700 000). Die Hauptstadt der Schweiz ist es nicht - aber die tonangebende
Metropole. In der Reihe der Schweizer Städte stellt Zürich so
etwas wie die nicht mehr ganz junge, sehr kultivierte und elegante Dame
dar.
Elegant ist Zürich ganz gewiss (eleganter als beispielsweise Paris).
Auch kultiviert (mit einer Fülle von erstklassigen Konzerten, Ausstellungen
und Theaterpremieren). Und sauber. Sauber! Der Satiriker Ephraim Kishon
beschreibt, wie er in Zürich ein leergegessenes Papptellerchen wegzuwerfen
versuchte. Es gelang ihm nicht. Schließlich mußte er es in
einem Luxusrestaurant als Delikatesse zubereiten lassen.
Womit wir bei den Restaurants wären.
Es gibt wenig Städte in der Welt, die allüberall ein solch hervorragendes,
geradezu hochmütig tadelloses gastronomisches Angebot haben. Man
kann japanisch essen, chinesisch, französisch - gewiß. Aber
die bodenständige, im besten Sinne bürgerliche Schweizer Küche
überwiegt.
Bürgerlich ist auch der Habitus der Restaurants.
Nirgends finden Sie jene aufgesetzte Eleganz, die das Behagen stört.
Die "Kronenhalle", das weltberühmte Restaurant beim Bellevue-Platz,
nicht weit vom Zürichsee, steht auch dem Strassenfeger offen - sofern
er sich gesittet zu benehmen weiß.
Zürich, so sagten wir, ist eine würdige Dame, steinreich,
aber auch ein wenig prüde. Es gibt ein böses Wort der Österreicher:
"Zürich ist zwar größer als der Wiener Zentralfriedhof,
aber bei weitem nicht so lustig."
Nun gut: Wer Ausgelassenheit sucht oder raffinierte Abendunterhaltung,
wer sich in des Wortes oberflächlichster Bedeutung "amüsieren"
will, der wird in Zürich nicht glücklich.
Natürlich gibt es Nachtlokale, selbstverständlich
ist auch in Zürich der Striptease nicht unbekannt. In der Altstadt
östlich der Limmat ziehen sich ganze Straßenzüge von Bars
hin. Aber: Tagsüber verkauft man dort warme Würstchen. Und nachts
kann man in jenen Gassen beliebig herumbummeln, ohne befürchten zu
müssen, auch nur unhöflich angerempelt zu werden.
Das eigentliche Zürcher Nachtleben ist ein kultiviertes: Theater,
Konzert, gepflegt speisen. Und vor Mitternacht ins Bett.
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