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Reisen in Grossbritannien·Reisegeschichte III

Die Schornsteine rauchen nicht mehr

von Annerose Lohberg-Goelz

In Zeiten, da Millionen Menschen in anderen Ländern Ferien machen, in Zeiten, in denen viel geschrieben wird über den sonnigen Süden, über das kristallklare Wasser in der Karibik, über die Exotik von Bangkok und Singapur, über Länder, in denen wir unseren Alltag vergessen können - in diesen Zeiten kann man auch einmal daran erinnern, dass es Sehenswürdigkeiten gibt, wo wir sie gar nicht vermuten.

Was würden Sie denken, wenn jemand zu Ihnen sagte "Let's go to Manchester?" "Der spinnt!" würden Sie denken. Und damit würde es Ihnen genau so gehen wie mir. "Manchester of all places!" dachte ich im besten Englisch. "Was soll ich da?"

Sofern wir überhaupt etwas von dieser Stadt im Nordwesten Großbritanniens wissen, denken wir an Schmutz, an qualmende Fabrikschornsteine, an Armut und Elend. Vielleicht auch daran, dass man tatsächlich spinnen mußte, um Manchester etwas abzugewinnen. Denn durch Spinnen und Weben ist die Stadt groß geworden. Und dann fällt dem Fußballfreund wohl noch der Club Manchester United ein, der dem FC Liverpool immer ein wenig hinterherhinkt. Und das wär's denn auch. Man kommt aber um die große Stadt Manchester kaum herum, wenn man von London in den Norden nach Schottland fahren will. Und es lohnt sich tatsächlich, dort Aufenthalt zu nehmen, sich umzusehen und umzuhören.

Manchester ist nach London die zweitgrößte Stadt Großbritanniens und als Industriegebiet gehören Manchester und seine Umgebung - zusammengefaßt unter dem Begriff "Greater Manchester" - noch heute zu den bedeutendsten der Welt. Nähert man sich der Gegend, fallen einem von weitem am Rande grüner Weiden die riesigen Fabrikschornsteine auf. Sie rauchen aber nicht mehr. Man laßt sie stehen wegen ihres historischen Wertes.

Hier begann die "Industrielle Revolution", die eine große Rolle in der englischen Geschichte spielt. Es ging um Baumwolle, die hier schon im frühen Mittelalter bearbeitet wurde. Sie kam aus den englischen Kolonien und wurde von Hunderttausenden der ärmsten Arbeiter gesponnen, gewirkt und gewoben. Nur knapp 50 Kilometer vom Seehafen Liverpool entfernt, kam die Baumwolle über den Bridgewater-Kanal auf kürzestem Weg nach Manchester, wo die Arbeitskräfte billig waren.

Ursprünglich waren sie Heimarbeiter, die sich - nebenbei - mit dem Spinnen und Weben Geld verdienten. Dann wurde die Industrie erfunden und die Heimarbeit unrentabel. Die Bewohner von Manchester waren, weil sie sonst verhungert wären, zur Fabrikarbeit gezwungen. Das war zunächst erschreckend und fremd. Die "Industrielle Revolution" war angebrochen, die - wie jede Revolution - alle Werte veränderte.

Einer der Spinnereibesitzer war der Vater von Friedrich Engels, der das physische wie psychische Leid der Arbeiter 1847 zusammen mit Karl Marx in das aufsehenerregende "Kommunistische Manifest" umsetzte und damit die ganze Welt auf die schreiende Ungerechtigkeit zwischen Herrschenden und Arbeitenden aufmerksam machte.

Man erreichte damals, dass die 200 000 Arbeiter in diesem Gebiet nicht zur Gegenrevolution aufriefen, sondern sich friedlich zu Vereinen zusammenschlossen, schließlich auch im Unterhaus repräsentativ vertreten waren und ein Mitspracherecht bekamen. Insgesamt hatte die Industrielle Revolution auch einige gute Seiten. Es gab Arbeit und damit Brot für alle, die Kinderarbeit wurde abgeschafft, man gründete Schulen, die auch für Arme zugänglich waren und deren Besuch sogar Pflicht wurde.

Hier fuhr die erste Eisenbahn

Die Stadt wuchs, die Baumwollspinnereien, -webereien und -druckereien wurden zahlreicher, Manchester wurde wohlhabender - aber nicht schöner. 1830 fuhr die erste Eisenbahn mit der berühmten Dampflokomotive "Rockett" in Manchesters Bahnhof ein; damit war die Stadt an den Rest der Welt angeschlossen. Noch heute ist man stolz auf das ausgezeichnete Eisenbahnnetz in Großbritannien, das in Manchester seinen Ausgang nahm. Hier steht auch das älteste Bahnhofsgebäude der Welt.

Heute ist Manchester eine moderne Industriestadt, in der neben Textilien auch Glas, Gummi, Maschinen, Nahrungsmittel und Elektronik produziert werden. Ein perfekt funktionierender, schnell wachsender Flughafen liegt am Rand der Stadt und bringt außer den Geschäftsleuten auch mehr und mehr Touristen hierher. Der Autoverkehr ist fast ganz aus der Innenstadt verbannt. Die Straßen sind blitzsauber. Man kann stundenlang im Arndale-Einkaufszentrum mit seinen fünf großen Kaufhäusern und den über 200 kleinen Läden und Boutiquen bummeln - es ist Europas größtes Shopping-Center. In die ehemalige Baumwollbörse hat man ein futuristisches Theater hineingebaut, das wie ein eben gelandetes Ufo aussieht. Seine 400 Sitzplätze sind Abend für Abend voll besetzt. Natürlich gibt es auch ein Opernhaus und selbst in den Sommermonaten wird in Manchester ein großes Kunst- und Kulturprogramm angeboten.

Unter der Jugend in Europa scheint sich das schon herumgesprochen zu haben, denn die supermoderne Jugendherberge ist fast immer ausgebucht. Wenn die Jugendlichen nicht gerade im unmittelbar vorbeifließenden Kanal ihre Beine ins Wasser baumeln lassen, findet man sie in der alkoholfreien Kneipe an der Ecke oder im "North Western Museum of Science and Industrie", wo man sich die ohrenbetäubenden alten Spinnmaschinen ansehen kann, die dort mehrmals täglich eingeschaltet werden.

Noch ein paar Superlative hat Manchester zu bieten. So wurde im Sommer 1995 Europas größte Arena eröffnet. In ihr finden die größten Sportereignisse statt, die berühmtesten Bands der Welt treten auf, Boxweltmeisterschaften und Eishockeyspiele werden abgehalten. Musicals und Rocker werden kommen. Und alles kann von fast 20000 Plätzen aus angesehen und angehört werden. Man lockt nicht nur die elf Millionen Einwohner von Greater Manchester hierher, sondern erreicht mit einem immensen Werbeaufwand Gäste aus der ganzen Welt. Stadtführer wurden in allen Sprachen ausgebildet und mit der Historie der Stadt vertraut gemacht - sie müssen ebenso Bescheid wissen über die Bühnentechnik der neuen Arena wie über den Bestand der riesigen Chetam-Bibliothek, die in einem wunderschönen klosterähnlichen Gebäudekomplex an der Musikschule untergebracht ist.

In dieser Bibliothek saßen Marx und Engels zusammen, um die Welt zu verändern. Ihr Tisch in einem Erker des Gebäudes wird von allen Besuchern ehrfürchtig bestaunt.

Und wenn man dann genug hat von soviel Kunst und Geschichte, von den vielen Galerien und dieser Menge von Erst- und Einmaligem, dann kann man im angeblich größten und besten China-Restaurant außerhalb Chinas essen gehen. Es liegt in der Princess Street und rühmt sich, zu jeder Tageszeit 60 Gerichte anzubieten. In vier Stockwerken werden pro Abend über 800 Menschen verköstigt. Man sitzt dichtgedrängt an großen Tischen und es ist so laut, dass man sich mit seinem Nachbarn nicht unterhalten kann. Das Essen aber, das von Heerscharen junger lächelnder Kellner aufgetragen wird, ist einfach wunderbar. Nur Asiaten sind hier beschäftigt, die einem auch gerne zeigen, wie man mit Stäbchen ißt.

Für uns jedoch war es viel eindrucksvoller, ausgerechnet in Manchester of all places zu erfahren, dass die englische Küche entschieden besser ist als ihr Ruf. Gleich neben dem Flughafen ist das "Etrop Grange", eins der vielen alten Landhotels, das englische Tradition pflegt. 1780 als Privathaus für einen Strumpffabrikanten erbaut, ist es heute eine Oase der Ruhe mit Himmelbetten, Antiquitäten und einer exquisiten Küche. Manche dieser Häuser servieren stilvoll auch täglich den "5 o'clock Tea", wie beispielsweise das "Rookery Hall", das bei Hochzeitspaaren sehr beliebt ist. Es ist ein Schloß weit draußen im Grünen. Und während man im Salon aus schweren silbernen Teekannen eingeschenkt bekommt, die Qual der Wahl hat, von welchem der vielen Törtchen, buns, Brote oder Kuchen man zuerst nehmen soll, kann man draußen im Park einer Falkenvorführung zusehen oder einfach nur ins Kaminfeuer schauen.

"Merry Olde England", mitten im Industriegebiet. Zwei Welten, die sich ergänzen, und ein anregendes Erholungsgebiet in einer Gegend, wo es niemand vermutet.

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